19. September auf dem Siegburger Nordfriedhof, zwischen Antikriegstag in Deutschland (1.9. und UN-Tag des Friedens (21.9.) – ein sanfter, sonnig-wolkig-windiger Spätsommertag heißt uns 4 am Gräberfeld E17 willkommen. Der frische Wind in den hohen Bäumen. Das Rauschen der Autobahn. Alle zwei Minuten steigt ein Flugzeug vom nahen Köln-Bonner Flughafen lautstark über unseren Köpfen in den Himmel. Eine Libelle setzt sich zu uns, während wir die PEACE-Fahne ausbreiten und eine Mitte für unser Hiersein gestalten.
Hier auf E17 sind 126 Menschen begraben, die zwischen 1941 und 45 in Siegburger Betrieben Zwangsarbeit verrichten mussten – Menschen aus der damaligen Sowjetunion, ein Mann aus Tunesien, einer aus Marokko. Etwa ein Drittel Frauen. 104 haben Namen, 22 bleiben „unbekannt“.
Wir sind hier, um – zeitgleich mit Peacemaker-FreundInnen in mehreren europäischen Ländern – Zeugnis abzulegen an Schreckensorten vergangener Kriege, die Toten mit unserer Präsenz zu würdigen und unsere Friedenskraft zu stärken. Es bewegt uns, dass hier VertreterInnen zweier Völker nebeneinander unter der Erde liegen, zu ihren Lebzeiten vielleicht Freunde, in jedem Fall aber LeidensgenossInnen waren, die heute im Krieg miteinander liegen: Russland und die Ukraine. Wie schnell die Allianzen wechseln… gestern Freunde, heute Feinde… und in der Meditation tauchen Trost und Hoffnung auf, dass wir immer wieder zueinander finden mögen – über Nationengrenzen und Kriegslogik und Ideologien hinweg, als Menschen.
Wir sitzen.
Wir schweigen.
Wir gehen.
Wir verteilen Geschenke.
Wir erklären einer Anwohnerin, die interessiert herantritt (es gibt keinen Zaun zwischen dem Gräberfeld und ihrem Garten), was wir da tun.
Wir rezitieren alle Namen, auch 22x „Unbekannt“.
Wir lesen FriedensGebete.
Wir zelebrieren eine Kurzform des „Gate of Sweet Nectar“ und teilen unser mitgebrachtes Mahl mit allen Anwesenden, lebenden und toten.
Dies alles, in Gemeinsamkeit, im Hier und Jetzt, nährt meine Friedfertigkeit. (Kathleen)
Gegenwart und Vergangenheit reiben sich in mir. Im Angesicht: Grabsteine aus dem Trümmerschutt Siegburgs nach dem Krieg gegossen. Namen, sie zeugen in kyrillischer Schrift zunächst in Richtung ‚Russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter‘ …und es begegnen mir Schicksale aus Russland, Georgien, Belarus, Baltikum, Polen, und aus Afrika! Ich frage mich: wo sind heute Krieg und Frieden zu Hause…? (ReinerSeido)
Aus dem Sinn geht mir nicht der Blick über das Gräberfeld mit den unbekannten Namen, mit deren Menschen ich versuche mich zu verbinden, mit deren Frieren, stechendem Hunger und Verlorenheit, und zaunlos, grenzenlos dahinter die Terrasse, mit Grill und Gartenmöbeln. Es liegt alles so nah zusammen: Sommerabendgemütlichkeit und tiefstes Elend… (Dirk)
Dieses Gräberfeld wirkt einsam und traurig. Und – die Sonne scheint. Und – wir sind da. Mit dem Lesen der übersetzten Namen können wir jedem Toten, jeder Toten Würde und Identität zusprechen. Wir geben den Grabsteinen einen zärtlichen Schmuck: aus Papier gefaltete Kraniche, Blütenblätter. Wir lassen uns ein auf den Schmerz und das Leid der ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen. Darin sind wir verbunden. (Beate)




